Zahlen: Gewalt in Freibädern – eine Gruppe stellt die meisten Verdächtigen

Prügeleien und sexuelle Gewalt statt Spaß im Freibad? Seit einigen Jahren gibt es die Behauptung, Migranten würden deutsche Bäder unsicher machen. Das Bild ist komplexer.

Straftaten in Schwimmbädern sorgen immer wieder für Schlagzeilen, und Taten mit tatverdächtigen Migranten erst recht. Wie kürzlich der Fall im hessischen Gelnhausen, als mehrere Mädchen berichteten, im Becken von Männern am ganzen Körper angefasst worden zu sein. Tatverdächtig sind vier syrische Männer im Alter von 18 bis 28 Jahren. Auch Vorfälle in Berliner Bädern im Sommer 2023 lösten Debatten aus, mehrfach kam es zu Gewaltausschreitungen und Polizeieinsätzen.

Gehen solche Taten überproportional häufig von Migranten aus? Faktisch wurden vergangenes Jahr der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) zufolge bundesweit 162 Deutsche und 130 Nichtdeutsche der schweren Körperverletzung in Schwimmbädern bezichtigt. 545 Deutsche und 292 Nichtdeutsche sind Tatverdächtige in Fällen von leichter Körperverletzung.

Bei den Sexualdelikten in Schwimmbädern überwiegt die Zahl der nichtdeutschen Beschuldigten (237) die der Deutschen (130) allerdings deutlich. Etwa aus Syrien, Afghanistan oder der Türkei stammen die Tatverdächtigen, die in der Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) als „nichtdeutsch“ eingestuft werden.

Die Gruppe der nichtdeutschen Tatverdächtigen umfasst laut Polizei nicht nur Geflüchtete, sondern auch Touristen oder Grenzpendler. Deshalb lässt sich ihr Anteil nicht einfach mit dem Anteil von Menschen ohne deutschen Pass in der Bevölkerung vergleichen. Dennoch nutzt etwa die AfD in Baden-Württemberg die Kriminalstatistik von 2023, um unter dem Slogan „Remigration – Für sichere Freibäder“ für Zustimmung zu Abschiebungen zu werben.

Grenzen der Polizeistatistik

Doch die PKS zeigt lediglich das „Hellfeld“ der Straftaten an, wie Susann Prätor, Professorin an der niedersächsischen Polizeiakademie, auf Anfrage der Nachrichtenagentur DPA erklärt. Nur die Straftaten, die polizeilich registriert seien, kämen in die Statistik. Weil die Anzeigebereitschaft gegenüber als nichtdeutsch wahrgenommenen Personen jedoch höher ausfalle, sei bei den Daten Vorsicht angebracht, so Prätor.

Dass eine Straftat überhaupt zur Anzeige gebracht werde, hänge stark vom Delikt, der Herkunft und der Täter-Opfer-Beziehung ab, erläutert die Professorin. Dirk Baier vom Institut für Delinquenz und Kriminalprävention in Zürich sagt, es würden manche Taten so selten angezeigt, dass die Zahlen der PKS gar nicht brauchbar seien, so beispielsweise bei Fällen sexueller Belästigung.

Nichtdeutsche überrepräsentiert – vor allem aus einem Grund

Eine stärkere Belastung von Gewaltkriminalität durch Nichtdeutsche ist Susann Prätor zufolge dennoch sowohl im Dunkel- als auch im Hellfeld zu bejahen. Gewaltverhalten, dass von Migranten ausgeht, lasse sich gerade bei Jugendlichen etwa durch Benachteiligung erklären, etwa durch ein Leben in Armut. Auch eigene Opfererfahrungen, die bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund häufiger anzutreffen seien, stünden mit Gewaltverhalten in Zusammengang, erklärt Prätor.

Unterschiede zwischen zwei Bevölkerungsgruppen im Gewaltverhalten nur mit der Staatsangehörigkeit oder Herkunftsregion zu begründen, ist nach Ansicht von Kriminologe Dirk Baier jedoch „absurd“.

Freibad-Täter sind vor allem: Männer

Die Täterschaft ist vor allem eines: männlich. In Fällen der schweren Körperverletzung in Schwimmbädern waren 266 Tatverdächtige männlich, 26 weiblich. Bei Fällen der leichten Körperverletzung waren es 678 Männer und 159 Frauen. Sexualdelikte wurden 365 Männern und 2 Frauen vorgeworfen.

„Eine zentrale Rolle spielen hier sicher gesellschaftliche Geschlechterrollenbilder. Männer werden ermutigt, physisch zu agieren, sich durchzusetzen, zu handeln statt zu reden“, sagt Baier. Raubtaten würden beispielsweise zehnmal häufiger von Männern begangen.

Freibäder erhöhen Sicherheitsmaßnahmen

In Frei-, Strand- und Hallenbädern geht es inzwischen strenger zu. An den Eingängen gibt es Video-Überwachung und Kontrollen durch Sicherheitskräfte. Während zum Beispiel im Jahr 2023 noch 163 Hausverbote in Berlin verhängt worden waren, lag die Zahl 2024 schon bei 254 – von insgesamt rund 1,9 Millionen Besuchern, wie die Berliner Bäder Betriebe (BBB) mitteilten.

Der Anstieg sei dem konsequenten Durchgreifen und der Ausweiskontrollen geschuldet und zeigt Wirkung: „Trotz der hohen Besucherzahlen und der zuletzt heißen Sommertage verlief die Saison weitgehend friedlich“, lautete 2024 die Sommerbilanz der Berliner Bäder Betriebe. Im laufenden Jahr seien bis zum 3. August bei rund 790.000 Badegästen insgesamt 122 Hausverbote erteilt worden, so eine Sprecherin.

Auch in den restlichen Schwimmbädern Deutschlands bemüht man sich um ein friedliches Miteinander. Es gebe eine stark gestiegene Nachfrage nach Seminaren über (Krisen-)Kommunikation und Deeskalation, bestätigt eine Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB). Die Bäder in Problembezirken, wo es häufiger zu Vorfällen käme, „arbeiten zum Beispiel verstärkt mit der Polizei zusammen und stellen mehr Sicherheitspersonal ein“.

Besondere Sorgen vor dem Freibad-Besuch muss man nicht haben. „Deutschland wird nicht krimineller, Deutschland wird friedlicher – und das belegt unter anderem die Kriminalstatistik“, so Kriminologe Dirk Baier. Beim Thema Migration und Kriminalität würden einfache Lösungen propagiert, welche die Kriminalität aber nicht nachhaltig beseitigten, sagt Susann Prätor.